Brave Mädchen feiern

Das Schuljahr war zu Ende. Alle Schülerinnen unserer Klasse hatten die Mittlere Reife erreicht. Die meisten strebten das Abitur an, aber einige verließen nun Wettenhausen. Im Schlafsaal Nr. 16 hatten wir uns vorgenommen, mit diesen einen lustigen Abschied zu feiern. Dazu hatte jede von uns sieben - die wir als besonders brav und verlässlich galten - schon nach den letzten Ferien ein Fläschchen Alkoholisches mitgebracht. Mein Beitrag war "Kakao mit Nuss".

Auf ihrem spätabendlichen Kontrollgang durch die Schlafräume kam die Schwester nie in unser abgelegenes Zimmer hinter dem Musiksaal. Wir konnten hier ungestört feiern. Damit kein Licht nach außen dringen konnte, hängte Renate, die recht groß war, Wolldecken an die Fenster.
Und es wurde eine sehr gemütliche Nacht.
Um 3.00 Uhr in der Früh waren alle sieben Flaschen leer. Nun wollten wir uns noch Nescafe brauen, denn um 5.00 Uhr war mit unserem Religionslehrer eine Turmbesteigung auf den Wettenhausener Kirchturm geplant. Bis dahin mussten wir fit sein. Nescafe hatten wir, Zahnbecher statt Tassen auch. Kochend heißes Wasser holte Hanni mit ihrer emaillierten Waschschüssel, die zwei Henkel hatte, aus der Wasserleitung im Türmle. Dazu musste sie durch den Musiksaal, das Schlafzimmer Nr. 10 und durch den Kaisersaal. Anni begleitete sie auf diesem Gang, wobei sie die Türen so leise wie möglich öffnete und schloss.
Renate hatte von ihrem Opa, der eine schöne Würfelzucker-Sammlung besaß, eine Büchse Würfelzucker mitgebracht. Und so schmeckte unser Kaffee ganz vorzüglich.

Allmählich wurde es Zeit aufzuräumen und uns für die Turmbesteigung fertig zu machen. Die leeren Flaschen stellten wir vorläufig hinter die zugezogenen Vorhänge, die bis zum Boden reichten. Davor standen auch unsere Koffer für die Heimreise an diesem Tag.

Auf dem Kirchturm genossen wir den Sonnenaufgang und sangen voller Inbrunst: "Nehmt Abschied Brüder!"

Ein gutes Frühstück brachte unsere verbrauchten Energien wieder zurück. Schließlich nahm jede ihr Gepäck und verschwand nach einigen Umarmungen in Richtung Heimat. Die einen wurden von ihren Eltern abgeholt, die anderen fuhren mit dem Bus zum Bahnhof.
In all der Aufbruchstimmung hatte niemand von uns sieben aus dem Schlafsaal Nr. 16 an die sieben leeren Flaschen gedacht. Welche Meinung hatte wohl Schwester Bernarda von ihren braven Mädchen, als sie die Flaschen entdeckte?

(im St. Thomas - Gymnasium in Wettenhausen)

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