Brotdiebe

Alle Mädchen im Kaisersaal schlummerten bereits in ihren Betten, auf den frisch aufgeschüttelten Strohsäcken. Nur Lydia und ich hatten immer noch etwas zu flüstern und zu erzählen. Unsere Betten standen nebeneinander. Nach einiger Zeit stellten wir gemeinsam fest, dass wir eigentlich noch gern etwas essen möchten.
Im Erdgeschoss unter uns, in der Halle vor dem Speisesaal war ein Schrank, in dem die Körbchen mit den "Gickerle", den Brotanschnitten, standen. Solch ein Gickerle wollten wir uns holen.
Wir schlichen aus dem Kaisersaal hinaus, im stockdunklen Gang die Treppe hinunter, fanden den Schrank und das Brot. Die Schranktüre hat wohl etwas geknarrt, als wir sie wieder zumachten; denn im nächsten Augenblick ging eine Türe auf und Schwester Bertranda erschien. Wir beide mit dem Brot in der Hand sausten los so schnell wir nur konnten. Wir fürchteten, die Schwester würde das Licht einschalten. Aber dazu nahm sie sich keine Zeit; der Schalter war ein Stück entfernt. Sie rannte uns nach, so schnell es ihr mit ihrer langen Kutte möglich war.
Im Kaisersaal stand links neben der Türe ein großer schwarzer Flügel. Hier drunter versteckten wir uns. Schwester Bertranda kam in den finsteren Kaisersaal und konnte nirgends eine Bewegung bemerken. Leise schloss sie die Kaisersaaltüre und verschwand.
Lydia und ich warteten noch ein wenig, bis sich unser Pulsschlag beruhigt hatte. Dann krochen wir kichernd in unsere Betten, wo wir unsern Brotraub verschmausten.

(im St. Thomas - Gymnasium in Wettenhausen)

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