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Nicht verraten Ein neues Schuljahr begann. Man
schrieb das Jahr 1954, und meine Klasse ( damals O.6)strebte die
Mittlere Reife an. Wir waren eine übermütige und unternehmungslustige
Mädchenschar. Nur gut, dass die Dominikanerinnen, die die Schule und das
Internat leiteten, ihre Erfahrungen im Umgang mit diesem jungen Gemüse
hatten! Der Musiksaal, der vor unserem Zimmer Nr. 16 lag, hatte außer der Türe zu Nr. 16 und Nr. 10 noch eine Türe, die zur Klausur der Klosterfrauen führte, und für uns Schülerinnen absolutes Tabu war. In diesem Schuljahr gab es im Internat eine Neuerung. Wenn am Sonntag das Glöckchen zur Nachmittagsandacht oder zu sonst einer gemeinsamen Veranstaltung bimmelte, zu der sich wirklich alle einzufinden hatten, mussten wir schleunigst unsere Schlafzimmer verlassen, falls wir uns gerade darin aufhielten. Denn neuerdings ging gleich darauf eine Schwester und schloss alle Schlafzimmer zu (bei uns nur die Nr. 10). An dem Tag, an dem diese Neuerung bekannt gegeben wurde, riefen wir von der Nr. 16: "Ach, dann gehen wir halt durch die Klausur!" - "Elisabeth, du doch nicht!" schallte es mir entgegen. Eines Tages, als das Glöckchen wieder bimmelte und zu einer Theateraufführung unserer Klasse in die Turnhalle rief, saß ich in unserm Schlafzimmer und wiederholte fleißig den Text, den ich wenig später vom Souffleur-Kasten aus meinen Klassenkameradinnen, falls sie ins Stocken gerieten, zuflüstern musste. Meine Anwesenheit in der Turnhalle war also unbedingt notwendig. Ich hatte aber die Glocke überhört und geriet nun fast in Panik, als ich meine Lage erkannte. Was konnte ich tun? Mit spitzen Fingern und mit einem Herzen, dessen Klopfen ich bis zum Hals spürte, öffnete ich die Türe zur Klausur. Nichts war zu sehen oder zu hören. Rasch huschte ich über den großen, freien Platz zum sog. "Weißen Gitter". Ich öffnete es. Der große Schlüssel quietschte ein wenig. Und als das Tor anschließend, nachdem ich meine Freiheit erlangt hatte, etwas geräuschvoll ins Schloss fiel, glaubte ich, das Jüngste Gericht müsse gleich losbrechen. Schnell rannte ich die alten, ausgetretenen Marmorstufen hinunter und verschwand um die nächste Ecke. Gleich hinter mir jedoch war Schwester Constantia durch das "Weiße Gitter" gekommen. Ich meine, sie muss mich gesehen haben. Aber verraten hat sie mich nicht. (im St. Thomas - Gymnasium in Wettenhausen)
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