Nicht verraten

Ein neues Schuljahr begann. Man schrieb das Jahr 1954, und meine Klasse ( damals O.6)strebte die Mittlere Reife an. Wir waren eine übermütige und unternehmungslustige Mädchenschar. Nur gut, dass die Dominikanerinnen, die die Schule und das Internat leiteten, ihre Erfahrungen im Umgang mit diesem jungen Gemüse hatten!
In der Schlafzimmer-Hierarchie waren wir schon etwas aufgestiegen. Den Kaisersaal mit 50 Betten und die Nr. 9 mit etwa der Hälfte davon hatten wir schon hinter uns. Nun sollte die große Überraschung kommen. Wer kam mit wem zusammen und in welchem Zimmer?
Es gab da ein total abgelegenes Zimmer Nr. 16. Um es zu erreichen, musste man vom Kaisersaal aus durch das Zimmer Nr. 10, anschließend durch den Musiksaal und kam dann in diesen abgelegenen Raum, über den die Schwestern am wenigsten Kontrolle hatten, wenn sie ihren spätabendlichen Rundgang machten, zu einer Zeit, in der alle schon im tiefsten Schlummer liegen sollten.
Für dieses Zimmer waren nun die angeblich Bravsten der Klasse ausgesucht worden. Das waren Anni und Hanni, Renate und "Schwanz", Gisela, Trudi und Elisabeth. Wir zeigten uns anscheinend unserer Auserwählung auch würdig; denn schließlich schaute bei uns wirklich nachts keine Schwester mehr nach.
Wenn die jeweiligen Ferien zu Ende waren und wir wieder vergnügt zusammenkamen, konnten wir, nachdem das Licht gelöscht war (auch das oft später als in anderen Zimmern), noch stunden- und halbe Nächte lang von unseren Erlebnissen erzählen.

Der Musiksaal, der vor unserem Zimmer Nr. 16 lag, hatte außer der Türe zu Nr. 16 und Nr. 10 noch eine Türe, die zur Klausur der Klosterfrauen führte, und für uns Schülerinnen absolutes Tabu war.

In diesem Schuljahr gab es im Internat eine Neuerung. Wenn am Sonntag das Glöckchen zur Nachmittagsandacht oder zu sonst einer gemeinsamen Veranstaltung bimmelte, zu der sich wirklich alle einzufinden hatten, mussten wir schleunigst unsere Schlafzimmer verlassen, falls wir uns gerade darin aufhielten. Denn neuerdings ging gleich darauf eine Schwester und schloss alle Schlafzimmer zu (bei uns nur die Nr. 10). An dem Tag, an dem diese Neuerung bekannt gegeben wurde, riefen wir von der Nr. 16: "Ach, dann gehen wir halt durch die Klausur!" - "Elisabeth, du doch nicht!" schallte es mir entgegen.

Eines Tages, als das Glöckchen wieder bimmelte und zu einer Theateraufführung unserer Klasse in die Turnhalle rief, saß ich in unserm Schlafzimmer und wiederholte fleißig den Text, den ich wenig später vom Souffleur-Kasten aus meinen Klassenkameradinnen, falls sie ins Stocken gerieten, zuflüstern musste. Meine Anwesenheit in der Turnhalle war also unbedingt notwendig. Ich hatte aber die Glocke überhört und geriet nun fast in Panik, als ich meine Lage erkannte. Was konnte ich tun? Mit spitzen Fingern und mit einem Herzen, dessen Klopfen ich bis zum Hals spürte, öffnete ich die Türe zur Klausur. Nichts war zu sehen oder zu hören. Rasch huschte ich über den großen, freien Platz zum sog. "Weißen Gitter". Ich öffnete es. Der große Schlüssel quietschte  ein wenig. Und als das Tor anschließend, nachdem ich meine Freiheit erlangt hatte, etwas geräuschvoll ins Schloss fiel, glaubte ich, das Jüngste Gericht müsse gleich losbrechen. Schnell rannte ich die alten, ausgetretenen Marmorstufen hinunter und verschwand um die nächste Ecke. Gleich hinter mir jedoch war Schwester Constantia durch das "Weiße Gitter" gekommen. Ich meine, sie muss mich gesehen haben. Aber verraten hat sie mich nicht.

(im St. Thomas - Gymnasium in Wettenhausen)

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www.Basteln-mit-Elisabeth.de

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