Eine Weihnachtsgeschichte

Ich war sechs Jahre alt, als wir nach der Flucht 1945 in Koppenzell, auf einem Einödhof in Oberbayern, eintrafen. Wir besaßen, was wir anhatten und zwei fast leere Koffer. Zu dem Wenigen, was uns Diebe in einem der Koffer gelassen hatten, gehörte die dicke, lange Brautkerze meiner Eltern.
In den beiden Räumen, die uns sechs Personen (Oma, Mutter, Vater, Onkel Arthur, Elisabeth und Martin) zugewiesen wurden, gab es außer einem Bettgestell mit Stroh und einem alten Herd jede Menge Mäuse, die entweder durch den zerfressenen Fußboden kamen oder durch ein Loch in der Zimmerdecke einfach herunterhüpften. Hier hatte man bis dahin Heu von oben heruntergezogen.
Eine Wolldecke, die uns die Caritas zu Beginn des Winters geschenkt hatte, diente während des Tages, quer über eine Ecke gespannt, als Schrank, in welchem unsere Koffer standen. Auf einem der Koffer lag Mutters Hut, den ihr einmal eine hilfsbereite Seele hatte zukommen lassen. Mutter war sehr stolz auf ihn und wollte ihn zu Weihnachten tragen.
Am Nachmittag des 24. Dezembers entdeckte Mutter am Rand des Hutes eine seltsame Verzierung, Zacken und Bogen. Welch ein Schreck, Mausefraß! Mutters bestes Stück war ruiniert.
Am Abend, es war Heiliger Abend, setzten wir uns alle um einen Fichtenbaum, den wir in den Raum mit dem alten Herd gestellt hatten. Als Schmuck leuchteten von den Zweigen selbstgezogene Kerzen. Mutter hatte dafür die halbe Brautkerze geopfert. Wir saßen um den Baum, schauten in die Lichter und beteten den Rosenkranz. "Klapp!", machte es... Selten wurde ein Rosenkranzgebet so oft gestört wie dieses. Vier Mausefallen, im Raum verteilt, machten immer wieder: "Klapp! Klapp!". Bis der Rosenkranz zu Ende war, gab es zwölf Mäuse weniger in unserer Wohnung. Wir aber waren recht fröhlich an diesem Heiligen Abend. Mutter störten nicht einmal mehr die Zacken am Hut. Sie setzte ihn auf und ging nach Gundelsdorf zur Christmette.

 

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